Archiv für die Kategorie ‘Daniel’

„Learn to read now – start to lead later“

Dezember 30, 2007

(Werbespruch einer Schule auf Negros) 

oi oi! 

3 Wochen Philippinen, erst der 3. Blog-Eintrag. Ein Grund koennten die unglaublich kalten Internet-Cafes sein…wir frieren hier wie ihr, und wissen, dass es drauszen 30 Grad hat.

Ich bin wieder in Bacolod, aber nur sehr vorruebergehend. Nachdem die Tage so um Weihnachten herum doch recht anstrengend waren, nehmen wir uns jetzt vor, uns etwas zu entspannen und endlich die Koerperbraeune zu erlangen, die ihr schlieszlich auch erwartet. Darum geht es nach Sylvester nach Boracay, einer Touri-Insel im Nordwesten von Panay, wiederum im Westen von Negros, wo wir jetzt sind. Die naechsten Tage werden also neben mit Sylvester-Feiern (Gibts da was zu feiern?) vor allem mit Reisen gefuellt sein…Dann winken neben 80% koreanischen Touristen, einem weltklasse-Golfplatz, unzaehligen Karaoke-Bars (die hoffentlich einen groszteil der ersteren Schlucken) wohl auch einer der schoensten Straende der Welt…naja. Ich kenn da einen auf Usedom und bin skeptisch.

Doch eins nach dem anderen. Am 23. hatten wir die Gelegenheit, eine Hilfslieferung des Center for Peoples Ressources and Services zu begleiten, der NGO, bei der eine unserer momentanen Gastgeberinnen arbeitet. Lebensmittel und Medikamente fuer ein kleines Dorf in den Bergen, das in letzter Zeit sehr von der „Militarisierung“ betroffen ist. Militarisierung heiszt hier, dass das Militaer im Kampf gegen die linken Guerilleros nicht mehr in Kasernen oder Lagern wohnt, sondern direkt in den Doerfern einzelne Haeuser in Besitz nimmt, es kommt immer wieder zu Vertreibungen (hier euphemistisch Evakuierungen genannt) und anderen Menschenrechtsverletzungen, die Soldaten leben auf Kosten der Einwohner, die als ZuckerrohrarbeiterInnen selber nicht genug zum leben haben. Ein Dorfbewohner wurde bereits ermordet. Insgesamt sind wir wohl ca. 15, die auf dem kleinen LKW sitzen, je mehr desto geringer die Moeglichkeit, dass das Militaer dem Transport Probleme macht – da ist es auch praktisch, dass Hannah, Farina und ich „Weisze“ sind, da sind sie vorsichtiger. Bloede Rassisten.

Die letzten Kilometer vor dem Dorf geht es dann endlich nicht mehr durch endlose Zuckerrohrplantagen und vorbei an trostlosen Huetten sondern durch Gebirge mit schoenen (Aus-)Blicken, in einem Dorf muessen wir von unserem Truck auf einen groeszeren Wechseln. Hier dann der erste Kontakt mit dem Militaer: In Zivil werden wir gefragt, wer unser „leader“ ist und was wir hier machen.  Als wir in dem Barangay ankommen, fuer das die Lieferung bestimmt ist, werden wir freundlich, neugierig, schuechtern empfangen, es gibt Sueszkartoffeln und Kaffee (hier gibt es fast nur Instant-Kaffee, eh schon suesz, dafuer wird er sehr duenn getrunken, auch, weil sich die meisten ihn nicht dicker leisten koennen,  dafuer schon mal mit zwei essloeffeln zucker pro tasse nachgesuesst…). Die Ruhe ist nur kurz, das Militaer kommt, Soldaten umstellen das kleine Dorf (3/4 Huetten), zeigen Zaehne, naja, eher ihre Gewehre. Die Leute von der NGO verhandeln, wir aus Europa machen Fotos, bei uns gehen sie nur weg und sagen nichts. Bloede Rassisten.

Die unzaehligen Kinder, die auch in diesem Barangay schauen eingeschuechtert auf die Soldaten und spielen weiter, fuer sie ist das kein 4 Wochen Abenteuer wie fuer uns. Nach dem Verteilen der Lebensmittel (das Militaer greift nicht ein, der Dorfpolizist macht Fotos) bekomme ich das Megaphon in die Hand, wir warten auf den Truck und versuchen, mit den Kindern des Dorfes das einzige philippinische Pseudo-Weihnachtslied zu singen, das wir kennen (vollstaendiger Text: Boomterata, Boomterata, Boom, Ariri, ariri, boom boom boom oder so), die haben aber eher Angst, wir alle Spasz, so geht es auch, als die Soldaten beschlieszen, an uns vorbei abzuziehen, wir singen noch lauter, vor allem boom boom boom, wir haben ja auch noch das Megaphon, es ist lustig. Soldaten auslachen. Wir sind ja gleich weg.

Denken wir zumindest. Zurueck in dem Dorf, wo wir den Truck wechseln muessen, ist an unserem Auto der Reifen zerschnitten, jemand hat versucht, den Motor zu zerstoeren, aber es hat nicht geklappt. „It is a miracle“ sagt unser Fahrer und prueft erstmal alleine die Bremsen, bevor wir zusteigen. Boomterata Boom. Nach Zwei Stunden muessen wir in den Bus umsteigen, das Auto ist kaputt (Zwei Stunden vorbei an Wasserbueffeln, quiekenden Schweinen, Reisterrassen und Sonnenuntergaengen).

An Heiligabend sind wir zu Besuch im Gefaengnis von Bacolod, hier sitzen 5 politische Gefangene und warten auf ihren Prozess. Einer von ihnen war bei seiner Festnahme 17, am 21. Januar wird er 19. Wenn ich die eifrigen Erklaerungen unserer philippinischen Begleitungen richtig verstehe, hat ihn das Militaer gezwungen, sie zu einem Lager der New Peoples Army zu fuehren, also der Guerillas. Dort haben sie ihm Waffen in die Hand gedrueckt und Fotos gemacht, jetzt wartet er auf einen Prozess wegen illegalem Waffenbesitz. Man sieht ihm sein Alter an, wenn er nicht gerade auf den Boden schaut. Die anderen sind auch nicht viel aelter und trinken schuechtern an ihrem eilig bestellten Soft-Drink, der Besucher-Raum ist grosz, leer und dunkel, ueber drei leeren Regalen steht Bacolod County Jail Reading Center, ueber einem Jesus-Bild „Jesus we trust in you“, um uns herum viele Familien, weinende Kinder. Einer der Gefangenen hat keinen Topf, in dem er sich etwas zu essen machen koennte. Besucht werden sie hoechstens einmal im Jahr, sie kommen aus armen Familien die sich die Fahrt nach Bacolod nicht leisten koennen. Verurteilt sind sie nicht.

Unser Weihnachten verbringen wir in Cadiz, gehen in die Kirche, in der fast nur Frauen und Kinder sind, was den Groeszenunterschied nochmal deutlicher macht. Alle starren uns an, als wir in die Kirche gehen, die Knie-Bank gibt bedrohlich unter unserem Gewicht nach…Farina schlaeft neben mir im Stehen ein, ich habe etwas Angst dass sie beim aufwecken umfaellt, aber es haut hin. An den Waenden paaren sich Eidechsen.

Am 25. sind wir wieder auf einer Exposure. Wir wohnen bei Domingo und seiner Familie, schwingen selber mal kurz die Machete im Zuckerfeld, trinken mit Donmingo philippinischen Whiskey, schlafen direkt ueber dem Schweinestall, der nur durch duenne Bambuslatten von uns getrennt ist, was sehr romantisch ist, aber sowohl das Schwein als auch der Hahn, der auch im Schweinestall wohnt, sind recht laut. Verstaendigung faellt diesmal eher schwer, sie sprechen zu wenig englisch. Doch wir kennen die Probleme ja schon: Zu wenig Lohn, die Kinder zur Schule zu schicken, fuer ausgewogene Ernaehrung (Domingo geht im Meer, dass direkt hinter den Mangroven an der Huette beginnt, fischen), je nach Taetigkeit zwischen 50 und 130 Pesos am Tag, 1-2 Euro. Hier wohnt der Landlord, also der Landbesitzer gleich mit im Dorf, seine Villa sticht aus den Huetten jedoch etwas hervor. Ich frage unsere Begleitung, ob der nicht Angst hat vor dem Zorn der Sugar worker. Umgekehrt, sagt er. Er uebt hier oft schieszen mit seinen Angestellten. Take me to the Riot.

Spaeter kommen zwei Missionare von der Baptisten Kirche „New Life“ zu besuch, endlich kann jemand englisch, aber bei denen haetten wir drauf verzichten koennen. „Do you know Jesus Christ in Germany?“ Junge, der Papst ist Deutscher. Ich sags etwas freundlicher. In Jesus we trust. Als wir gehen, schreibt sich Domingo unsere Namen auf die erste Seite seines Neuen Testaments. Er wiederholt fuer uns nochmal seinen namen, den seiner Frau und will, dass wir ihn nochmal fotografieren. Wir haben ihn liebgewonnen die letzten drei Tage, aber die Sprache steht zwischen uns.

Der Eintrag ist schon viel zu lang, so weit liest ja doch keiner, und drum belaestige ich euch nicht noch mit Geschichten von Flughunden, Vogelspinnen und Motten, die groeszer sind als meine Hand. Bin ja auch bald wieder zu hause.

Love Replaces Fear

Daniel

Balayat! aus Bacolod…

Dezember 22, 2007

„Balayat“ (es ist moeglich, dass man es anders schreibt) heiszt leider nicht „Hallo“, „Liebe Gruesze“ oder „Frohe Weihnachten“, „balayat“ ist nur das Wort, dass man dem Jeepney/Fahrer sagt, wenn man das Fahrgeld nach vorne reicht und gleichzeitig ist es das einzige Wort aus einem der Zahlreichen philippinischen Dialekte, das mir gerade einfaellt…

Ich sitze in einem Internetcafe in Bacolod, einer Stadt auf Negros, der Zucker-Insel der Philippinen. Hier ist ziemlich viel verboten, Computerspielen waehrend der Schulzeit z.B., Zuschauer genauso und das Viewing of pornographic materials. Hatt ich eh nicht vor, es kann also losgehen.

Die letzten Tage ist viel passiert, die Rekonstruktion faellt einigermaszen schwer. Sonntag mittag fahren wir essen in einer der schicksten Malls Manilas, es geht vorbei an Gated Communities, also Stadtvierteln, die abgesperrt sind und in die nicht jedeR hineinkommt, vorbei an den Rotlichtvierteln der Touristen. Nachmittags dann der Kontrast: Es geht nach Cubao, einem Stadtteil, der gepraegt ist von der gigantischen Stadtautobahn, die sich durch ihn hindurch schlaengelt. Hier werden wir die naechsten beiden Tage verbringen und versuchen, uns der Situation der Urban Poor in den Philippinen zu naehern.

29 000 000 Menschen werden in den Philippinen zu den UPs gezaehlt, also mehr als ein drittel der Gesamtbevoelkerung, es gibt 200 000 Straszenkinder. Sie kommen in der Regel aus den Provinzen, weil sie sich in der Stadt ein besseres Leben erhoffen. Farina und ich wohnen fuer einen Abend und einen halben Tag bei den Caleezas. Max war Beamter in einer kleinen Gemeinde im Sueden der Philippinen, bis er vor fuenf Jahren nach Manila gegangen ist, weil er auf dem Land seinen Kindern keine Schulbildung haette ermoeglichen koennen. Um zu seinem Haus zu kommen, gehen wir durch mehrere Hinterhoefe, vorbei an anderen, winzigen Behausungen, Huehnern, Katzen, etlichen Kindern. AUf der Schwelle der Huette der Caleezas ist eingeritzt: “God save our home“. Our home, das sind in diesem Fall ca. 18 quadratmeter fuer 9 Personen: Die Eltern, die fuenf Toechter, der Ehemann und das Kind der aeltesten Tochter. Wir setzen uns auf die einzige Bank in der Kueche/Schlafzimmer/Wohnzimmer. Sofort werden wir von den fuenf Toechtern mit Fragen bombardiert, Zurueckhaltung sieht anders aus, Unfreundlichkeit auch, sie huepfen aufgeregt um uns herum, Gespraechsthemen sind unsere Groesze, meine Nase, unsere Familien…und der Lebensstandard in Deutschland. Farina und ich schauen uns unsicher an, das bleibt natuerlich nicht unbemerkt: „So there is no life standard?“. Ich versuche das zu umgehen, indem ich von meiner Familie rede.

Am naechsten Tag gehen wir mit den Caleezas zur Arbeit, sie verkaufen Sonnenbrillen und Geldbeutel am Highway. Am Tag davor hat sich Farina noch eine Sonnenbrille in einer Mall gekauft, haetten wir das gewusst. Frau Caleeza verdient mit den Brillen am Tag 250 Pesos, Max ca. 100, zusammen also knapp 6 Euro. Die Regierung geht davon aus, dass eine Familie am Tag ueber 600 Pesos braucht, und zwar allein fuer die Ernaehrung. Der Ehemann von Gang Gang, der aeltesten Tochter, arbeitet bei Kentucky Fried Chicken und bekommt 500 Pesos am Tag, damit kommen sie wohl ueber die Runden. Alle Toechter gehen noch zur Schule, was bei Schulgebuehren und Kosten fuer Uniform etc. hier eher selten ist. Max entschuldigt sich bei mir, dass er keine Klimaanlage in seiner Huette hat. Er lacht. Ich versuche ihm zu erklaeren, dass ich groszen Respekt vor seinem Leben habe, vor seiner Entscheidung, in den Slum nach Manila zu gehen, um seine Toechter zur schule schicken zu koennen, dass er fuer seine Armut nichts kann und ich nichts fuer meinen reichtum getan habe und dass es wichtiger ist, ob man ein guter Mensch ist, und dass ich sehe, dass er tolle Kinder hat und sie uns so offen empfangen haben…ich stottere rum. Er lacht. 

Sie erinnern mich an meine eigene Familie und so tut es umso mehr weh, zu sehen, in was fuer einer Scheisze sie leben muessen.

Wenige Tage spaeter sind Farina und ich auf der Insel Negros, wir verlassen Bacolod auf einem Lastwagen in Richtung eines der kleinen Doerfer vor der Stadt. Hier wohnen die Sugar Workers und Reisbauern, und es faellt uns schwer, angesichts der romantischen Pfahlbauten, der im Flusz badenden Wasserbueffeln und der Ruhe nach dem hektischen Manila, nicht zu sehr in Urlaubsstimmung zu verfallen. Es gelingt uns nicht, trotz der schrecklichen Situation auch hier: Die Sugar Workers arbeiten auf einer Hacienda, also auf einem Groszgrundbesitz. Sie muessen sich jeden Tag neu um Arbeit kuemmern, kriegen, je nachdem welche Arbeit der Zucker-Anbau gerade zulaesst, zwischen 50 und 100 Pesos am Tag, das aber nur zwei bis dreimal pro Woche, 26 Wochen im Jahr. Den Rest sind sie arbeitslos, machen bei den Landbesitzern Schulden, einige sind sogar gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen. An Schulbildung ist hier nicht mehr zu denken, an Arztbesuche eher auch nicht, 3 Mahlzeiten am Tag sind ein realistischeres Ziel. Wir treffen einen Mann, der sich nicht leisten kann, seine Tochter behandeln zu lassen, sie hat Hepatitis. Ich muss an meine Impfungen vor meiner Reise denken und an die Scherze, die wir darueber gemacht haben…hier ist es jetzt nicht so lustig. Das Land, dass der Gemeinde des Mannes gehoert hat und auf dem Bananen und irgendwelche Wureln angebaut wurden, um die Familien in den Monaten, in denen es keine Arbeit gibt, zu ernaehren, hat gerade der Groszgrundbesitzer an eine chinesische Firma verkauft, die dort jetzt Sand abbaut. Sie schenken uns Kokosnuesse und andere Sueszigkeiten, bedanken sich fuer unseren Besuch. „Wollt ihr meine Tochter sehen?“ Wir wollen nicht, wir koennen es uns vorstellen. Ein Junge wird zu mir gezerrt, er heiszt auch Daniel, ist 13, muss auf dem Feld helfen und hat sich am Morgen mit einer scharfen Machete in den Arm geschlagen. Fuer eine Tonne Zuckerrohr bekommen die Sugar Workers bei der Ernte 120 Pesos, zwei Euro. Die Menschen arbeiten gleichzeitig auf den Reisfeldern, wenn sie 10 Saecke Reis geerntet haben, duerfen sie einen behalten, Geld gibt es keines.

Wir werden wieder unglaublich freundlich empfangen, wir sind wieder Exoten (Unsere Groesze, meine Nase). Manchmal fuehlen wir uns wie im Zoo, wenn sich Kinder in unsere Naehe setzen und uns einfach beobachten. Gucken wir sie an oder sage etwas zu ihnen, lachen sie sich tot.

Unsere Begleitung ist von der National Federation of Sugar Workers und in zig anderen Organisationen, wir verlieren den Ueberblick. Auf jeden Fall versucht sie, die Menschen hier zu organisieren, an den beiden Abenden, die wir in den Barangays verbringen, tut sie das durch „Solidarity Nights“, so etwas aehnliches wie Weihnachtsfeiern (wir hatten bisher 3), nur mit anderen Liedern. Die Filipinos haben auszerdem eine Vorliebe fuer Ausdruckstanz, naja. Und eine Vorliebe, ihre Gaeste aus Germany waehrend der Solidarity Night zu ueberrumpeln. Wir halten eine Solidarity Speech und singen „Die Moorsoldaten“. Mit maeszigem Erfolg: Beim Singen hoert Farina zum ersten Mal mein stimmliches Talent und kann sich das Lachen nicht verkneifen, ich ziehe aber ruecksichtslos durch. Am naechsten Tag werden wir ueberrumpelt, als wir bei einer Versammlung der NFSW oder einer Partner/Unterorganisation ans Mikro zitiert werden und unsere Gedanken zu ihrer Situation erklaeren soll. JedeR kann was, ich kann politischen Pathos, wir kriegen es hin, auch bei der zweiten Solidarity Night unser Einsatz mit „Spaniens Himmel„, vor doch immerhin 100 Zuschauern, wahrscheinlich 60 Kinder. Die Menschen kommen zu uns, bedanken sich, dass wir Zeugen ihrer Situation werden. Ich fuehle mich von der Situation ueberfordert.

Gerade bekommen wir eine SMS, „hi Miss Farina, I am Lorelyn, Can you be my friend?“ Wir koennen uns kaum noch erinnern, wer Lorelyn war…

(Gerade kam die freundliche Internet-Cafe Frau und loggte uns ausversehen aus. I like wordpress und seine automatische Speicherfunktion, eher unschoene Worte verlieszen schon unsere Lippen…)

„In the Philippines, we eat every part of the chicken.“ (Muss gerade mal recherchieren, was Verstopfung auf englisch heiszt, fragt nicht warum)

Daniel

Cleanliness is next to godliness – Erste Eindruecke aus Manila

Dezember 15, 2007

Oi, Oi aus Manila.

Jetzt bin ich also auch Blog-Wart, ob erfolgreich und interessant ist eine andere Frage. Aber lest selbst…(Ich schreibe glaub ich oft in Wir-Form, hab das aber nicht von Farina autorisieren lassen)

Seit drei Tagen sind wir nun in Manila, so langsam fangen wir an, uns an die Stadt und die Besonderheiten zu gewoehnen. Vor allem der erste Tag war doch ziemlich verstoerend, allein die Fahrt vom Flughafen: Unglaublicher Verkehr, ueberall Jeepneys (eine MIschung aus Jeep und Bus) und Gehupe, Gehupe, Gehupe. Auszerdem Gehupe. Wir fahren vorbei an den ersten Slums, ein Teenager drueckt sein Gesicht an die getoente Scheibe unseres Toyota-Vans und bittet um Geld. Unser Fahrer Mhehl sagt, wir sollen ihm nichts geben, wir sind Linke, wir sind reich, wir tun natuerlich, was Mhehl sagt. „Es sind zuviele“ „Das aendert sowieso nichts“ „Wenn wir einem etwas geben, kommen alle anderen und wollen auch etwas“ – Die Diskussion wird uns die naechsten Tage begleiten, wenn Kinder irgendwas von „Americano“ singend und klatschend hunderte Meter neben uns her laufen, wenn ein Kind Farinas 0,33l Wasserflasche will, usw. Jetzt haben wir beschlossen, am letzten Tag vor der Abreise die Rest-Pesos zu verteilen, so faellt zumindest im Moment das „No“-Sagen leichter. Nach den Slums kommen Haeuser, die eigentlich auch wie Slums aussehen, aber der Begriff ist ja schon durch die Blechhuetten besetzt…

Unsere Unterkunft erleichtert uns dann etwas, das UCCP SHALOM CENTER (Mail to: shalom88@…nanu?) ist nicht so schlimm christlich wie gedacht, auch wenn in der Hausordnung zu lesen ist: Cleanliness is next to godliness. Die Klima-Anlage schaltet Mhehl sofort auf die hoechste Stufe, als er mir mein Zimmer zeigt, als er weg ist, schalte ich sie direkt ab. Nach 14 Stunden Flug muss das ja nicht auch noch sein. Nach einer halben Stunde schwitzen schalte ich sie wieder an. Nach 14 Stunden Flug ist das jetzt auch egal. Mein Zimmer heisst Arabah nach einem Tal, in dem die Israeliten beim Auszug aus Aegypten Pause gemacht haben, der Bewohner wird aufgefordert, die Rolle der UN waehrend seines Besuchs zu reflektieren. Das die UCCP eine sehr politische Kirche ist, faellt uns dann auch auf, als wir uns mit unserer Ansprechperson hier in Manila treffen. Sie ist Christin, glaubt aber v.a. an das „Life after birth“ und versucht die Situation der Aermsten in Manila zu verbessern. Ohne Massenbasis keine Veraenderung, sagt sie (sagt meines Erachtens auch Rosa Luxemburg…). Auch ansonsten redet sie sehr offen ueber die Situation in den Philippinen: 7 ihrer KollegInnen wurden in den letzten Jahren vom Militaer ermordet.

Beim Laufen durch die Altstadt Manilas (Intramuros) werden wir angestarrt, ueberall Haendler, Pferdekutschen, Fahrradtaxis, nur keine Touristen. Umso haeufiger werden wir angesprochen, aber nicht nur von Haendlern: Auch die anderen BewohnerInnen sind offensichtlich erstaunt, uns hier zu sehen, v.a. Kinder koennen ihre Verwunderung kaum verbergen. Immer wieder kommt es vor, dass sie stehen bleiben und uns mit offenen Muendern nachstarren. Mittlerweile koennen wir darueber aber lachen. Ich werde oft gefragt, wie gross ich bin, LKW Fahrer lachen sich tot, wie wir versuchen, 4 spurige Straszen ohne Ampel zu ueberqueren und rufen „Hey Joe“ – Hier sind wir alle Amerikaner.

Der Geruch Manilas ist nicht so angenehm, krasser Smog, und ueberall wird etwas gebraten, was einfach widerlich stinkt, egal was es ist (wir haben noch nicht rausgefunden, woran es liegt). Dafuer gibt es hier koestliche Bananen zu kaufen, in einer Art Honigmantel gebraten oder so (ich gestehe meine kulinarische Ahnungslosigkeit), ich koennte mich hineinlegen. Die Mangos, die wir kaufen, schmecken aber wie sehr saure Aepfel, am Ende sind das gar keine Mangos.

Heute begann dann nach der Jet-Lag Pause unser eigentliches Programm. Wir waren bei einer Weihnachtsfeier von Obdachlosen, veranstaltet von eben jener UCCP. Ich war etwas nervoes, schlieszlich sind uns Obdachlose in den letzten tagen zu oft begegnet. Die kindliche Froehlichkeit und Freundlichkeit, das Interesse uns gegenueber hat mich dann aber sehr ueberrascht. Die Weihnachtslieder wurden mit groszem Engagement gesungen, staendig wird geklatscht und gelacht, vor allem die Ausgelassenheit bei so bescheidenen Spielen wie Reise nach Jerusalem (Farina hat sich nur sehr, sehr maeszig geschlagen, meine Leistung beim irgend-ne-exotische-frucht-ueber-loeffel-im- mund-weitergeben-in-natuerlich-geschlechtergetrennten-mannschaften-waer-ja-noch-schoener war wesentlich bemerkenswerter) war ziemlich beeindruckend. Ein Kind sollte seiner Mutter die Geschenke-Tuete hertragen, die Tuete war aber zu schwer, das Kind bekam darueber einen richtigen Lachanfall. Ich weisz nicht, ob es mir gelingt, die Atmosphaere etwas herueberzubringen, Farina und ich waren sehr bewegt.

Morgen beginnt unser zwei-taegiges Exposure in einem der Slums von Manila. Wir sind etwas nervoes, ob wir es schaffen werden, nicht die Abenteuer-Elends-Touristen zu sein, sondern wirklich was ueber die Leute zu lernen und ihnen vielleicht mehr geben zu koennen als unsere Wohlstands-Mitbringsel. Es wird sicher nicht leicht.

Kontakte zur lokalen Antifa konnte ich noch keine knuepfen…kommt aber noch, bin mir sicher.

Liebe Gruesze ans Ende der Welt (alles eine Frage der Perspektive) – There is a light that never goes out

Daniel