(Werbespruch einer Schule auf Negros)
oi oi!
3 Wochen Philippinen, erst der 3. Blog-Eintrag. Ein Grund koennten die unglaublich kalten Internet-Cafes sein…wir frieren hier wie ihr, und wissen, dass es drauszen 30 Grad hat.
Ich bin wieder in Bacolod, aber nur sehr vorruebergehend. Nachdem die Tage so um Weihnachten herum doch recht anstrengend waren, nehmen wir uns jetzt vor, uns etwas zu entspannen und endlich die Koerperbraeune zu erlangen, die ihr schlieszlich auch erwartet. Darum geht es nach Sylvester nach Boracay, einer Touri-Insel im Nordwesten von Panay, wiederum im Westen von Negros, wo wir jetzt sind. Die naechsten Tage werden also neben mit Sylvester-Feiern (Gibts da was zu feiern?) vor allem mit Reisen gefuellt sein…Dann winken neben 80% koreanischen Touristen, einem weltklasse-Golfplatz, unzaehligen Karaoke-Bars (die hoffentlich einen groszteil der ersteren Schlucken) wohl auch einer der schoensten Straende der Welt…naja. Ich kenn da einen auf Usedom und bin skeptisch.
Doch eins nach dem anderen. Am 23. hatten wir die Gelegenheit, eine Hilfslieferung des Center for Peoples Ressources and Services zu begleiten, der NGO, bei der eine unserer momentanen Gastgeberinnen arbeitet. Lebensmittel und Medikamente fuer ein kleines Dorf in den Bergen, das in letzter Zeit sehr von der “Militarisierung” betroffen ist. Militarisierung heiszt hier, dass das Militaer im Kampf gegen die linken Guerilleros nicht mehr in Kasernen oder Lagern wohnt, sondern direkt in den Doerfern einzelne Haeuser in Besitz nimmt, es kommt immer wieder zu Vertreibungen (hier euphemistisch Evakuierungen genannt) und anderen Menschenrechtsverletzungen, die Soldaten leben auf Kosten der Einwohner, die als ZuckerrohrarbeiterInnen selber nicht genug zum leben haben. Ein Dorfbewohner wurde bereits ermordet. Insgesamt sind wir wohl ca. 15, die auf dem kleinen LKW sitzen, je mehr desto geringer die Moeglichkeit, dass das Militaer dem Transport Probleme macht – da ist es auch praktisch, dass Hannah, Farina und ich “Weisze” sind, da sind sie vorsichtiger. Bloede Rassisten.
Die letzten Kilometer vor dem Dorf geht es dann endlich nicht mehr durch endlose Zuckerrohrplantagen und vorbei an trostlosen Huetten sondern durch Gebirge mit schoenen (Aus-)Blicken, in einem Dorf muessen wir von unserem Truck auf einen groeszeren Wechseln. Hier dann der erste Kontakt mit dem Militaer: In Zivil werden wir gefragt, wer unser “leader” ist und was wir hier machen. Als wir in dem Barangay ankommen, fuer das die Lieferung bestimmt ist, werden wir freundlich, neugierig, schuechtern empfangen, es gibt Sueszkartoffeln und Kaffee (hier gibt es fast nur Instant-Kaffee, eh schon suesz, dafuer wird er sehr duenn getrunken, auch, weil sich die meisten ihn nicht dicker leisten koennen, dafuer schon mal mit zwei essloeffeln zucker pro tasse nachgesuesst…). Die Ruhe ist nur kurz, das Militaer kommt, Soldaten umstellen das kleine Dorf (3/4 Huetten), zeigen Zaehne, naja, eher ihre Gewehre. Die Leute von der NGO verhandeln, wir aus Europa machen Fotos, bei uns gehen sie nur weg und sagen nichts. Bloede Rassisten.
Die unzaehligen Kinder, die auch in diesem Barangay schauen eingeschuechtert auf die Soldaten und spielen weiter, fuer sie ist das kein 4 Wochen Abenteuer wie fuer uns. Nach dem Verteilen der Lebensmittel (das Militaer greift nicht ein, der Dorfpolizist macht Fotos) bekomme ich das Megaphon in die Hand, wir warten auf den Truck und versuchen, mit den Kindern des Dorfes das einzige philippinische Pseudo-Weihnachtslied zu singen, das wir kennen (vollstaendiger Text: Boomterata, Boomterata, Boom, Ariri, ariri, boom boom boom oder so), die haben aber eher Angst, wir alle Spasz, so geht es auch, als die Soldaten beschlieszen, an uns vorbei abzuziehen, wir singen noch lauter, vor allem boom boom boom, wir haben ja auch noch das Megaphon, es ist lustig. Soldaten auslachen. Wir sind ja gleich weg.
Denken wir zumindest. Zurueck in dem Dorf, wo wir den Truck wechseln muessen, ist an unserem Auto der Reifen zerschnitten, jemand hat versucht, den Motor zu zerstoeren, aber es hat nicht geklappt. “It is a miracle” sagt unser Fahrer und prueft erstmal alleine die Bremsen, bevor wir zusteigen. Boomterata Boom. Nach Zwei Stunden muessen wir in den Bus umsteigen, das Auto ist kaputt (Zwei Stunden vorbei an Wasserbueffeln, quiekenden Schweinen, Reisterrassen und Sonnenuntergaengen).
An Heiligabend sind wir zu Besuch im Gefaengnis von Bacolod, hier sitzen 5 politische Gefangene und warten auf ihren Prozess. Einer von ihnen war bei seiner Festnahme 17, am 21. Januar wird er 19. Wenn ich die eifrigen Erklaerungen unserer philippinischen Begleitungen richtig verstehe, hat ihn das Militaer gezwungen, sie zu einem Lager der New Peoples Army zu fuehren, also der Guerillas. Dort haben sie ihm Waffen in die Hand gedrueckt und Fotos gemacht, jetzt wartet er auf einen Prozess wegen illegalem Waffenbesitz. Man sieht ihm sein Alter an, wenn er nicht gerade auf den Boden schaut. Die anderen sind auch nicht viel aelter und trinken schuechtern an ihrem eilig bestellten Soft-Drink, der Besucher-Raum ist grosz, leer und dunkel, ueber drei leeren Regalen steht Bacolod County Jail Reading Center, ueber einem Jesus-Bild “Jesus we trust in you”, um uns herum viele Familien, weinende Kinder. Einer der Gefangenen hat keinen Topf, in dem er sich etwas zu essen machen koennte. Besucht werden sie hoechstens einmal im Jahr, sie kommen aus armen Familien die sich die Fahrt nach Bacolod nicht leisten koennen. Verurteilt sind sie nicht.
Unser Weihnachten verbringen wir in Cadiz, gehen in die Kirche, in der fast nur Frauen und Kinder sind, was den Groeszenunterschied nochmal deutlicher macht. Alle starren uns an, als wir in die Kirche gehen, die Knie-Bank gibt bedrohlich unter unserem Gewicht nach…Farina schlaeft neben mir im Stehen ein, ich habe etwas Angst dass sie beim aufwecken umfaellt, aber es haut hin. An den Waenden paaren sich Eidechsen.
Am 25. sind wir wieder auf einer Exposure. Wir wohnen bei Domingo und seiner Familie, schwingen selber mal kurz die Machete im Zuckerfeld, trinken mit Donmingo philippinischen Whiskey, schlafen direkt ueber dem Schweinestall, der nur durch duenne Bambuslatten von uns getrennt ist, was sehr romantisch ist, aber sowohl das Schwein als auch der Hahn, der auch im Schweinestall wohnt, sind recht laut. Verstaendigung faellt diesmal eher schwer, sie sprechen zu wenig englisch. Doch wir kennen die Probleme ja schon: Zu wenig Lohn, die Kinder zur Schule zu schicken, fuer ausgewogene Ernaehrung (Domingo geht im Meer, dass direkt hinter den Mangroven an der Huette beginnt, fischen), je nach Taetigkeit zwischen 50 und 130 Pesos am Tag, 1-2 Euro. Hier wohnt der Landlord, also der Landbesitzer gleich mit im Dorf, seine Villa sticht aus den Huetten jedoch etwas hervor. Ich frage unsere Begleitung, ob der nicht Angst hat vor dem Zorn der Sugar worker. Umgekehrt, sagt er. Er uebt hier oft schieszen mit seinen Angestellten. Take me to the Riot.
Spaeter kommen zwei Missionare von der Baptisten Kirche “New Life” zu besuch, endlich kann jemand englisch, aber bei denen haetten wir drauf verzichten koennen. “Do you know Jesus Christ in Germany?” Junge, der Papst ist Deutscher. Ich sags etwas freundlicher. In Jesus we trust. Als wir gehen, schreibt sich Domingo unsere Namen auf die erste Seite seines Neuen Testaments. Er wiederholt fuer uns nochmal seinen namen, den seiner Frau und will, dass wir ihn nochmal fotografieren. Wir haben ihn liebgewonnen die letzten drei Tage, aber die Sprache steht zwischen uns.
Der Eintrag ist schon viel zu lang, so weit liest ja doch keiner, und drum belaestige ich euch nicht noch mit Geschichten von Flughunden, Vogelspinnen und Motten, die groeszer sind als meine Hand. Bin ja auch bald wieder zu hause.
Love Replaces Fear
Daniel