„Balayat“ (es ist moeglich, dass man es anders schreibt) heiszt leider nicht „Hallo“, „Liebe Gruesze“ oder „Frohe Weihnachten“, „balayat“ ist nur das Wort, dass man dem Jeepney/Fahrer sagt, wenn man das Fahrgeld nach vorne reicht und gleichzeitig ist es das einzige Wort aus einem der Zahlreichen philippinischen Dialekte, das mir gerade einfaellt…
Ich sitze in einem Internetcafe in Bacolod, einer Stadt auf Negros, der Zucker-Insel der Philippinen. Hier ist ziemlich viel verboten, Computerspielen waehrend der Schulzeit z.B., Zuschauer genauso und das Viewing of pornographic materials. Hatt ich eh nicht vor, es kann also losgehen.
Die letzten Tage ist viel passiert, die Rekonstruktion faellt einigermaszen schwer. Sonntag mittag fahren wir essen in einer der schicksten Malls Manilas, es geht vorbei an Gated Communities, also Stadtvierteln, die abgesperrt sind und in die nicht jedeR hineinkommt, vorbei an den Rotlichtvierteln der Touristen. Nachmittags dann der Kontrast: Es geht nach Cubao, einem Stadtteil, der gepraegt ist von der gigantischen Stadtautobahn, die sich durch ihn hindurch schlaengelt. Hier werden wir die naechsten beiden Tage verbringen und versuchen, uns der Situation der Urban Poor in den Philippinen zu naehern.
29 000 000 Menschen werden in den Philippinen zu den UPs gezaehlt, also mehr als ein drittel der Gesamtbevoelkerung, es gibt 200 000 Straszenkinder. Sie kommen in der Regel aus den Provinzen, weil sie sich in der Stadt ein besseres Leben erhoffen. Farina und ich wohnen fuer einen Abend und einen halben Tag bei den Caleezas. Max war Beamter in einer kleinen Gemeinde im Sueden der Philippinen, bis er vor fuenf Jahren nach Manila gegangen ist, weil er auf dem Land seinen Kindern keine Schulbildung haette ermoeglichen koennen. Um zu seinem Haus zu kommen, gehen wir durch mehrere Hinterhoefe, vorbei an anderen, winzigen Behausungen, Huehnern, Katzen, etlichen Kindern. AUf der Schwelle der Huette der Caleezas ist eingeritzt: “God save our home“. Our home, das sind in diesem Fall ca. 18 quadratmeter fuer 9 Personen: Die Eltern, die fuenf Toechter, der Ehemann und das Kind der aeltesten Tochter. Wir setzen uns auf die einzige Bank in der Kueche/Schlafzimmer/Wohnzimmer. Sofort werden wir von den fuenf Toechtern mit Fragen bombardiert, Zurueckhaltung sieht anders aus, Unfreundlichkeit auch, sie huepfen aufgeregt um uns herum, Gespraechsthemen sind unsere Groesze, meine Nase, unsere Familien…und der Lebensstandard in Deutschland. Farina und ich schauen uns unsicher an, das bleibt natuerlich nicht unbemerkt: „So there is no life standard?“. Ich versuche das zu umgehen, indem ich von meiner Familie rede.
Am naechsten Tag gehen wir mit den Caleezas zur Arbeit, sie verkaufen Sonnenbrillen und Geldbeutel am Highway. Am Tag davor hat sich Farina noch eine Sonnenbrille in einer Mall gekauft, haetten wir das gewusst. Frau Caleeza verdient mit den Brillen am Tag 250 Pesos, Max ca. 100, zusammen also knapp 6 Euro. Die Regierung geht davon aus, dass eine Familie am Tag ueber 600 Pesos braucht, und zwar allein fuer die Ernaehrung. Der Ehemann von Gang Gang, der aeltesten Tochter, arbeitet bei Kentucky Fried Chicken und bekommt 500 Pesos am Tag, damit kommen sie wohl ueber die Runden. Alle Toechter gehen noch zur Schule, was bei Schulgebuehren und Kosten fuer Uniform etc. hier eher selten ist. Max entschuldigt sich bei mir, dass er keine Klimaanlage in seiner Huette hat. Er lacht. Ich versuche ihm zu erklaeren, dass ich groszen Respekt vor seinem Leben habe, vor seiner Entscheidung, in den Slum nach Manila zu gehen, um seine Toechter zur schule schicken zu koennen, dass er fuer seine Armut nichts kann und ich nichts fuer meinen reichtum getan habe und dass es wichtiger ist, ob man ein guter Mensch ist, und dass ich sehe, dass er tolle Kinder hat und sie uns so offen empfangen haben…ich stottere rum. Er lacht.
Sie erinnern mich an meine eigene Familie und so tut es umso mehr weh, zu sehen, in was fuer einer Scheisze sie leben muessen.
Wenige Tage spaeter sind Farina und ich auf der Insel Negros, wir verlassen Bacolod auf einem Lastwagen in Richtung eines der kleinen Doerfer vor der Stadt. Hier wohnen die Sugar Workers und Reisbauern, und es faellt uns schwer, angesichts der romantischen Pfahlbauten, der im Flusz badenden Wasserbueffeln und der Ruhe nach dem hektischen Manila, nicht zu sehr in Urlaubsstimmung zu verfallen. Es gelingt uns nicht, trotz der schrecklichen Situation auch hier: Die Sugar Workers arbeiten auf einer Hacienda, also auf einem Groszgrundbesitz. Sie muessen sich jeden Tag neu um Arbeit kuemmern, kriegen, je nachdem welche Arbeit der Zucker-Anbau gerade zulaesst, zwischen 50 und 100 Pesos am Tag, das aber nur zwei bis dreimal pro Woche, 26 Wochen im Jahr. Den Rest sind sie arbeitslos, machen bei den Landbesitzern Schulden, einige sind sogar gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen. An Schulbildung ist hier nicht mehr zu denken, an Arztbesuche eher auch nicht, 3 Mahlzeiten am Tag sind ein realistischeres Ziel. Wir treffen einen Mann, der sich nicht leisten kann, seine Tochter behandeln zu lassen, sie hat Hepatitis. Ich muss an meine Impfungen vor meiner Reise denken und an die Scherze, die wir darueber gemacht haben…hier ist es jetzt nicht so lustig. Das Land, dass der Gemeinde des Mannes gehoert hat und auf dem Bananen und irgendwelche Wureln angebaut wurden, um die Familien in den Monaten, in denen es keine Arbeit gibt, zu ernaehren, hat gerade der Groszgrundbesitzer an eine chinesische Firma verkauft, die dort jetzt Sand abbaut. Sie schenken uns Kokosnuesse und andere Sueszigkeiten, bedanken sich fuer unseren Besuch. „Wollt ihr meine Tochter sehen?“ Wir wollen nicht, wir koennen es uns vorstellen. Ein Junge wird zu mir gezerrt, er heiszt auch Daniel, ist 13, muss auf dem Feld helfen und hat sich am Morgen mit einer scharfen Machete in den Arm geschlagen. Fuer eine Tonne Zuckerrohr bekommen die Sugar Workers bei der Ernte 120 Pesos, zwei Euro. Die Menschen arbeiten gleichzeitig auf den Reisfeldern, wenn sie 10 Saecke Reis geerntet haben, duerfen sie einen behalten, Geld gibt es keines.
Wir werden wieder unglaublich freundlich empfangen, wir sind wieder Exoten (Unsere Groesze, meine Nase). Manchmal fuehlen wir uns wie im Zoo, wenn sich Kinder in unsere Naehe setzen und uns einfach beobachten. Gucken wir sie an oder sage etwas zu ihnen, lachen sie sich tot.
Unsere Begleitung ist von der National Federation of Sugar Workers und in zig anderen Organisationen, wir verlieren den Ueberblick. Auf jeden Fall versucht sie, die Menschen hier zu organisieren, an den beiden Abenden, die wir in den Barangays verbringen, tut sie das durch „Solidarity Nights“, so etwas aehnliches wie Weihnachtsfeiern (wir hatten bisher 3), nur mit anderen Liedern. Die Filipinos haben auszerdem eine Vorliebe fuer Ausdruckstanz, naja. Und eine Vorliebe, ihre Gaeste aus Germany waehrend der Solidarity Night zu ueberrumpeln. Wir halten eine Solidarity Speech und singen „Die Moorsoldaten“. Mit maeszigem Erfolg: Beim Singen hoert Farina zum ersten Mal mein stimmliches Talent und kann sich das Lachen nicht verkneifen, ich ziehe aber ruecksichtslos durch. Am naechsten Tag werden wir ueberrumpelt, als wir bei einer Versammlung der NFSW oder einer Partner/Unterorganisation ans Mikro zitiert werden und unsere Gedanken zu ihrer Situation erklaeren soll. JedeR kann was, ich kann politischen Pathos, wir kriegen es hin, auch bei der zweiten Solidarity Night unser Einsatz mit „Spaniens Himmel„, vor doch immerhin 100 Zuschauern, wahrscheinlich 60 Kinder. Die Menschen kommen zu uns, bedanken sich, dass wir Zeugen ihrer Situation werden. Ich fuehle mich von der Situation ueberfordert.
Gerade bekommen wir eine SMS, „hi Miss Farina, I am Lorelyn, Can you be my friend?“ Wir koennen uns kaum noch erinnern, wer Lorelyn war…
(Gerade kam die freundliche Internet-Cafe Frau und loggte uns ausversehen aus. I like wordpress und seine automatische Speicherfunktion, eher unschoene Worte verlieszen schon unsere Lippen…)
„In the Philippines, we eat every part of the chicken.“ (Muss gerade mal recherchieren, was Verstopfung auf englisch heiszt, fragt nicht warum)
Daniel